Die aktuelle Umfrage der Handwerkskammer Reutlingen beschreibt für das dritte Quartal 2026 eine weiterhin schwache Lage im regionalen Handwerk. Sinkende Aufträge und Umsätze treffen auf hohe Preise für Energie, Material und Vorprodukte. Gleichzeitig nehmen freie Kapazitäten zu. Viele Betriebe erwarten keine rasche Erholung und halten sich bei Investitionen zurück. Die Kennzahlen helfen Betriebsinhabern, Kosten, Auslastung, Nachfrage und Risiken in den nächsten Monaten besser einzuschätzen und Entscheidungen fundierter vorzubereiten vor Ort.
Inhaltsverzeichnis: Das erwartet Sie in diesem Artikel
Geschäftslage im regionalen Handwerk bleibt trotz Sommerbelebung historisch schwach
Im dritten Quartal meldete die Region eine weiterhin angespannte Konjunkturlage. Positiv bewerteten 43 Prozent der befragten Betriebe ihre aktuelle Geschäftssituation. Erfasst wurden Unternehmen aus Freudenstadt, Reutlingen, Sigmaringen, Tübingen und Zollernalb. Unzufrieden äußerten sich zugleich 22 Prozent aller teilnehmenden Betriebe dort. Das waren 14 Prozentpunkte mehr als im entsprechenden Vorjahresquartal zuvor. Einen schwächeren Wert hatte die Kammer zuletzt im Jahr 2009. Damals prägte die Finanzkrise die wirtschaftliche Bewertung zahlreicher Handwerksbetriebe stark.
Auftragslage im regionalen Handwerk verschlechtert sich deutlich gegenüber Vorjahr
Im Vergleich zum Vorjahr hat sich die Auftragslage im regionalen Handwerk spürbar eingetrübt. Lediglich 19 Prozent der befragten Betriebe berichteten von zusätzlichen Bestellungen, während 38 Prozent rückläufige Auftragseingänge meldeten. Die Salden aller Handwerksgruppen liegen unter null. Besonders kritisch ist die Entwicklung im Gesundheitshandwerk mit minus 45 Punkten und bei personenbezogenen Dienstleistungen mit minus 36 Punkten. Betriebe müssen deshalb Aufträge vorausschauend steuern, Kundenkontakte systematisch pflegen und Abwanderungsrisiken früh erkennen künftig begrenzen.
Umsatzsaldo fällt auf minus 22 Punkte im regionalen Handwerk
Die Umsatzentwicklung im regionalen Handwerk hat sich im dritten Quartal deutlich verschlechtert. 36 Prozent der befragten Betriebe meldeten sinkende Einnahmen. Der durchschnittliche Umsatzsaldo der Kammer erreichte minus 22 Punkte und lag damit erheblich unter dem Vorjahreswert von minus 7 Punkten. Ein schwächeres drittes Quartal wurde zuletzt 2004 registriert. Besonders stark betroffen waren Dienstleister mit minus 39 Punkten. Bau und Ausbau zeigten sich vergleichsweise widerstandsfähig als übrige Gewerke in der Region insgesamt.
Inflation und Zinsen belasten Handwerk, Kammerpräsident fordert rasche Entlastungen
Alexander Wälde sieht in steigender Inflation und höheren Zinsen eine doppelte Belastung für Handwerksbetriebe und private Haushalte. Nach seiner Auffassung sind kurzfristige Entlastungen notwendig, um akuten Kostendruck zu mindern. Gleichzeitig fordert er Reformen mit langfristiger Wirkung. Unternehmer müssen Finanzierungsausgaben, Materialverbrauch, Preisgestaltung und Kalkulation präzise überwachen. Nur durch eine laufende Steuerung dieser Faktoren können sie Liquidität, Erträge und die wirtschaftliche Stabilität ihres Betriebs unter schwierigen Marktbedingungen dauerhaft sichern und Risiken begrenzen.
Hohe Einkaufspreise veranlassen Handwerksbetriebe zu Preisanpassungen im vierten Quartal
Sieben von zehn befragten Handwerksbetrieben berichten von gestiegenen Kosten für Energie, Materialien und Vorprodukte. Bisher hat knapp ein Drittel diese Belastungen über höhere Verkaufspreise weitergegeben. Im vierten Quartal beabsichtigen weitere Betriebe, ihre Preise anzupassen. Kunden müssen deshalb mit steigenden Rechnungsbeträgen rechnen. Eine frühzeitige, nachvollziehbare Kalkulation hilft dem Betriebsinhaber, Kostenentwicklungen offen darzustellen, Margen zu schützen und wirtschaftliche Risiken bei dauerhaft hohem Kostendruck wirksam zu begrenzen und die Wettbewerbsfähigkeit langfristig zu erhalten.
Freie Kapazitäten im Handwerk steigen deutlich und eröffnen Handlungsspielräume
Die Auslastung vieler Handwerksbetriebe ist deutlich gesunken. Inzwischen erreicht jeder vierte Betrieb maximal 60 Prozent seiner verfügbaren Kapazität. Der Anteil vollständig ausgelasteter Unternehmen verringerte sich binnen eines Jahres von 20,3 auf 11,2 Prozent. Diese Entwicklung weist auf eine schwächere Nachfrage hin, eröffnet aber zugleich Möglichkeiten zur Optimierung interner Abläufe. Betriebe können freie Zeiten gezielt für Schulungen, Wartung, Vertrieb, Prozessanalysen und die Erschließung zusätzlicher Aufträge im Betrieb wirtschaftlich sinnvoll weiter nutzen.
Regionales Handwerk erwartet trotz besserer Exporte keine schnelle Trendwende
Steigende Exportzahlen und optimistischere Wachstumsprognosen der Forschungsinstitute verändern die kurzfristige Einschätzung des regionalen Handwerks kaum. Ein Viertel der Betriebe erwartet im vierten Quartal eine weitere Verschlechterung der Geschäftsentwicklung. Lediglich 13 Prozent erkennen noch nennenswerte Wachstumschancen. Gleichzeitig plant mehr als ein Drittel, Investitionen zurückzufahren. Nach Auffassung von Kammerpräsident Wälde erreichen mögliche gesamtwirtschaftliche Belebungen die Handwerksbetriebe erst zeitversetzt und entfalten dort daher vorerst keine spürbare Wirkung für ihre betriebliche Planung und Finanzierung.
Konjunkturindikator des Reutlinger Handwerks fällt auf minus 11 Punkte
Der Konjunkturindikator der Handwerkskammer Reutlingen sank im dritten Quartal 2026 auf minus 11,0 Punkte, nachdem er im entsprechenden Vorjahreszeitraum noch plus 9,1 Punkte erreicht hatte. Die Kennzahl fasst die aktuelle Geschäftslage und die Erwartungen der regionalen Handwerksbranchen zusammen. Der deutliche Rückgang signalisiert ein verschlechtertes Geschäftsklima. Betriebsinhaber erhalten damit eine fundierte Grundlage, um Personalplanung, Preisgestaltung, Investitionsvorhaben und verfügbare Kapazitäten rechtzeitig an die wirtschaftliche Entwicklung anzupassen und damit Entscheidungen frühzeitig belastbar abzusichern.
Onlineumfrage erfasst Konjunkturlage von 3000 Handwerksbetrieben in Baden-Württemberg landesweit
Die Handwerkskammern in Baden-Württemberg erheben viermal pro Jahr Daten zur konjunkturellen Situation ihrer Mitgliedsbetriebe. Die Auswertung berücksichtigt regionale Unterschiede und die einzelnen Gewerbegruppen. An der Onlinebefragung vom 7. bis 20. September beteiligten sich landesweit 3.000 Betriebe. Aufgrund der großen Teilnehmerzahl liefern die Ergebnisse eine belastbare Orientierung für die aktuelle wirtschaftliche Entwicklung des Handwerks und unterstützen Betriebe, Kammern sowie Entscheidungsträger bei der Einschätzung von Marktbedingungen, Auftragslagen, Kostenentwicklungen und künftigen Geschäftsaussichten verlässlich.
Die Erhebung liefert ein klares Bild der angespannten Lage im regionalen Handwerk. Sinkende Aufträge, rückläufige Umsätze und vorsichtige Erwartungen treffen auf weiter steigende Kosten für Material, Energie und Finanzierung. Für Betriebsinhaber bieten die Kennzahlen eine frühzeitige Grundlage zur Steuerung. Wer Auslastung, Preisgestaltung und Investitionen regelmäßig überprüft, kann Liquiditätsrisiken reduzieren, Kapazitäten sinnvoll einsetzen und notwendige Maßnahmen rechtzeitig an veränderte Marktbedingungen anpassen sowie dadurch dauerhaft die wirtschaftliche Stabilität seines Betriebs langfristig sichern.

