US-Sport: Schon die Jüngsten werden gedrillt!

Karriereziel Profi im US-Sport: Amerikanische Eltern investieren jährlich mehr als 15 Milliarden in die athletische Ausbildung ihrer Kinder. Wie läuft Sportförderung in Deutschland?

US-Sport: Hoffen auf den millionenschweren Profivertrag

Quarterback Derek Carr von den Oakland Raiders erhält laut dem Portal „ran“ 123 Millionen Dollar in den nächsten 5 Jahren. Genau solche Summen sind der Anreiz vieler amerikanischer Eltern, ihren Nachwuchs zu Profistars zu trimmen.

Video: Traumberuf Fußballprofi – Sportclub Story

Der unglaubliche Fall des Todd Marinovich

Das ist kein neues Phänomen: Schon vor 48 Jahren machte der Fall Todd Marinovich Schlagzeilen. Bereits vor der Geburt erhielt die werdende Mutter strenge Diät. Sein Vater dehnte die Muskeln des Babys, als er einen Monat alt (!) war. Die Nahrung des Säuglings bestand häufig aus gefrorenen Rindernieren. Mit gerade einmal drei Jahren schaffte er den ersten Klimmzug. Seine Eltern engagierten insgesamt 13 Berater für Psychologie, Ernährung oder Feinmotorik. Statt Comics studierte er spätabends Football-Spielzüge. Und zu Geburtstagen brachte er seinen eigenen Kuchen mit, weil er weder Zucker noch Mehl essen durfte.

Alles für ein Ziel: Den perfekten Sportler zu schaffen. Einen Superstar, den die Welt noch nicht gekannt hat. Das Ergebnis: Er bekam zwar mit Anfang 20 seinen Profivertrag, war allerdings bereits von Kokain und Marihunana abhängig. Zwei Spielzeiten und drei positive Drogentests später war die NFL-Karriere vorbei. Das Experiment war fehlgeschlagen. Bis heute hat Marinovich sein Leben nicht im Griff. Seinem Vater macht er übrigens keine Vorwürfe. Er habe nur das Beste für ihn gewollt, so der Ex-Football-Profi.

Viele amerikanische Eltern wünschen sich heute noch, dass ihre Kinder Profisportler werden, etwa im Football oder Baseball. (#1)

Viele amerikanische Eltern wünschen sich heute noch, dass ihre Kinder Profisportler werden, etwa im Football oder Baseball. (#1)

US-Sport: Ein Stipendium als erstes Ziel

Trotzdem: Eine Menge amerikanischer Eltern wünscht auch heute noch, dass ihre Kinder Profisportler werden, etwa im Football oder Baseball. Problem: Ein Studium ist sehr teuer, an der USC-Universität von Los Angeles kostet das inklusive Miete und Essen etwa 280000 Doller. Die Alternative: Ein Stipendium für besonders talentierte Sportler. Alleine 3 Milliarden Dollar gaben laut „Süddeutscher Zeitung“ amerikanische Universitäten 2016 dafür aus. Die Förderung des Jugendsports in den USA ist eine Industrie, die laut SZ mittlerweile 15,3 Milliarden Dollar pro Jahr umsetzt.

Eine Karriere im US-Sport? Viele Eltern zeigen Optimismus

Die Frage: Kann man es schaffen, eine Karriere im US-Sport zu starten? Manche amerikanische Eltern glauben ja. Laut einer Umfrage der Utah State University unter Eltern, deren 14 bis 18jährige Kinder Baseball spielen, sind 40 Prozent überzeugt, dass es ihr Kind an eine Eliteuni schafft, immerhin 10 Prozent glauben an die Profikarriere. Die Realität sieht anders aus: 2,1 Prozent kommen an die Uni, nur 0,13 Prozent werden Profisportler.

Resignation? Fehlanzeige! Ehrgeizige Eltern spornen solche Ergebnisse eher an. Sogenannte Travel Teams, die es für jede lukrative Sportart gibt, reisen durch die USA und kämpfen um die Aufmerksamkeit von Talentsuchern. Schon Zehnjährige gehören diesen Travel Teams an. Eltern dieser Nachwuchssportler stecken Zehntausende von Dollars in die Ausbildung ihrer Kinder und haben durchaus Erfolg. Zum Beispiel die „Bombers“, ein Travel Team aus dem Baseball. Bei den Bombers handelt es sich um das zweitbeste U 10-Baseballteam der USA.

Basketball-Profis sind in den USA Superstars und verdienen Millionengehälter. (#2)

Basketball-Profis sind in den USA Superstars und verdienen Millionengehälter. (#2)

US-Sport: Wie sieht es mit deutschem Sportnachwuchs aus?

Die Beispiele aus den USA mögen extrem sein. Aber auch in Deutschland suchen Talentscouts nach geeigneten Spielern vor allem auf dem Fußballplatz. Die Besten unter ihnen spielen häufig schon mit 17 Jahren in der Bundesliga, etwa das HSV-Talent Fiete Arp. Die Dimensionen mögen in den USA andere, das Ziel ist gleich: Profi werden, Millionen verdienen. Bei uns im Fußball, in den Vereinigten Staaten beim Football, Baseball oder Basketball.

Ein zweiter Dirk Nowitzki für den amerikanischen Profisport?

Apropos: In der letztgenannten Sportart hat es ein gewisser Dirk Nowitzki aus Würzburg zu Weltruhm geschafft. Er hatte neben seinem Riesentalent von Anfang an gute Voraussetzungen: Mutter und Schwester von ihm waren nämlich Basketball-Nationalspielerinnen. Die Kontakte waren also vorhanden, auch wenn Nowitzki erst mit 13 Jahren zum Basketball kam und schnell auf sich aufmerksam machte. Während seiner Bundeswehrzeit gehörte er dann zur Sportfördergruppe.

Das ist keine große Überraschung, in der deutschen Truppe waren und sind viele Ausnahmeathleten aktiv. Natürlich gelingt nicht jedem davon der große Durchbruch, aber die Förderung talentierter Sportler funktioniert in der Bundeswehr gut. Ob dann die Weltkarriere im US-Sport gelingt, ist dann immer auch vom Glück abhängig. Spätestens aber, als Nowitzki vor der Saison 2002/03 von den NBA-Vereinspräsidenten zum besten ausländischen Spieler der NBA (National Basketball Association) gewählt wurde, entwickelte er sich zum Superstar. Heute ist er längst ein reicher Mann und lebt in Texas.

US-Sport: Was sind die Risiken?

Nowitzki hat es, Geld und Ruhm. Genau dieses Ziel verfolgen auch unzählige Sportler und deren Eltern in den USA. Der Fall Marinovich zeigt aber, dass es große Risiken gibt. Egal, ob man es schafft oder nicht. Da wären ein krankhafter Ehrgeiz. Schon eine elfjährige Golferin kam einmal mit einer Sehnenscheidenentzündung zu ihm, so Moin Salah, Arzt der amerikanischen Olympia-Radfahrer zur „Süddeutschen Zeitung“. Es stellte sich heraus, das Mädchen spielte 6 mal pro Woche drei Stunden Golf, am 7. Tag war ein Turnier.

Mancher US-Sportler wirkt stark, leidet aber unter Depressionen. (#3)

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Finanzielle und psychische Belastungen

Der Mediziner aus Los Angeles berichtet auch von psychischen Problemen vieler junger Nachwuchssportler: Burn-outs und Depressionen bereits im Teenager-Alter. Kein Wunder, die Kosten sind hoch, der finanzielle Druck lastet auf den Schultern. Eltern nehmen Kredite auf oder zahlen nicht mehr in die Rentenversicherung, um die Sportausbildung ihrer Kinder zu finanzieren. Dabei ist es unmöglich, bei Kindern um 10 Jahre eine Prognose zu treffen, ob die erfolgreiche Sportler werden, so der Arzt Salah über seine Erfahrungen. Sein Fazit: Das System im US-Sport fördert Egomanie, dabei ist Teamgeist gerade in Mannschaftssportarten für den Erfolg ungemein wichtig.

US-Sport: Freude am Leben als wichtigster Wunsch

Fazit: Auf diese Weise eine Karriere zu planen, ist höchst riskant. Es drohen negative finanzielle und psychische Folgen. Todd Marinovich ist nur ein Beispiel dafür, wie zu exzessiv betriebene Sportförderung einen Menschen kaputt machen kann. Heute tritt er als Redner auf, möchte aber keine klugen Ratschläge verteilen. Er lernt, mit Fehlern umzugehen und zu akzeptieren, dass er nicht perfekt ist. Und nur so kann er wieder Spaß am Leben und am Sport haben. Egal, wie groß oder klein die Karriere im US-Sport war.


Bildnachweis:©Shutterstock-Titelbild: sirtravelalot -#1: Aspen Photo -#2: Eugene Onischenko  -#3: fotogestoeber

 

Über Marius Beilhammer

Marius Beilhammer, Jahrgang 1969, studierte Journalismus in Bamberg. Er schreibt bereits viele Jahre für technische Fachmagazine, außerdem als freier Autor zu verschiedensten Markt- und Businessthemen. Als fränkische Frohnatur findet er bei seiner Arbeit stets die Balance zwischen Leichtigkeit und umfassendem Know-how durch seine ausgeprägte Affinität zur Technik.

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